Antworten zu den Beiträgen zu Kap 29 und 30 folgen nach der Nahrungsaufnahme und F1.
- Kapitel 31 -
Kampf der Giganten Panik hatte von Toireasa besitzergriffen. Es half nicht, dass sie riesengroß war und eine todbringende Waffe in ihrer Hand hielt. Sie hatte seit Monaten keinerlei Angst mehr empfunden und so traf sie die plötzliche Erkenntnis, dass sie gleich sterben konnte unvorbereitet hart. Sie konnte sich nicht erklären, woher diese Emotionen kamen. Sie hatte doch schon so viel Schlimmeres erlebt…
Toireasa fühlte wie sie wütend wurde. Das war normal, wenn man Angst hatte und nicht wusste wie man damit klarkam. Und ein Ziel für ihre Wut fand sie auch schnell. Sie schaute auf ihre nur noch kniehohe Stiefmutter und hob die Axt. Sie wusste nicht, ob sie damit durch die Gitter schlagen konnte…
„Vergiss diesen Gedanken“, lachte Pádraigín überheblich. „Die Axt kann keinen Menschen verletzen. Sie hat nur einen, genau definierten Zweck.“
„Ich tue es nicht“, zu einem anderen Zeitpunkt hätte sich Toireasa an ihrem gewachsenen Stimmvolumen erfreut.
„Da ist der Mörder deiner Eltern. Willst du das er ungestraft damit durchkommt?“
„Das ist egal. Ihr werdet ihn nicht entkommen lassen.“ Mag sein, dass dies feige war...
„Ich hab mir schon gedacht, dass du ein wenig Motivation brauchen würden“, schüttelte Pádraigín enttäuscht den Kopf. „Öffnet die Tür!“
Mit vor Entsetzen geweiteten Augen musste Toireasa zusehen, wie langsam die Tür geöffnet wurde, welche sie und den Riesen Raknor voneinander trennten.
„Das ist nicht dein Ernst!“, keuchte Toireasa und schaute hilfesuchend zu Winona. Doch die war gut verschnürt und selber hilflos.
„Ich bluffe nicht“, erwiderte Pádraigín. „Dies ist ein Riese. Diese Monster da hat getötet und wird wieder töten. Männer, Frauen, Kinder – Väter und Mütter. Ohne Unterschied und nur wir hier können dieses Leid verhindern. Zeig, dass ich eine Kämpferin großgezogen habe!“
„Ich will keine solche Kämpferin sein.“
„Dir wird nichts anderes übrig bleiben. Ich an deiner Stelle, würde mich langsam mal umdrehen.“
Das hätte Toireasa sowieso getan, denn hinter ihr ertönte ein wütender Schrei. Die Tür war jetzt weit genug geöffnet und der Riese stürzte sich voller Wut auf das Einzige ihm greifbare Opfer. Eine Faust knallte gegen Toireasas Kopf noch bevor sie reagieren konnte. Es tat furchtbar weh, aber auf der anderen Seite war sie unglaublich erleichtert, dass dieser mörderische Schlag sie nicht umgebracht hatte. Sie trat aus der Reichweite des Riesen und entging damit dem zweiten Schlag. Sie stellte fest, dass die Bewegungen des Riesen ziemlich langsam waren und seinen Reaktionen ebenso. Doch leider teilte Toireasa im Moment genau diese Schwächen. Ihre Bewegungen waren träge und zu allem Überfluss war sie auch noch kleiner, schwächer und in Prügeleien unerfahrener als Raknor. Es war abzusehen, dass sie verlieren würde, wenn sie die Axt nicht benutzen würde.
Sie tauchte unter dem nächsten Schwinger des Riesen hinweg und freute sich, als seine Faust gegen das Gitter knallte.
„Nutze endlich die Axt“, hörte Toireasa Pádraigín rufen. „Er tötet dich sonst. Das ist seine Natur.“
Die blutunterlaufenen Augen des Riesen starrten Toireasa voller Hass an. Er brüllte sie an und sie brauchte einen Moment um ihn zu verstehen.
„Ich töten dich“, radebrechte er auf Englisch.
Toireasa begriff, dass es keine Rolle spielte, dass sie den Riesen nicht töten wollte. Raknor hatte keine Hemmungen in dieser Beziehung. Doch Toireasa wollte nicht sterben – und da ihr Überlebenswille stärker als ihr Vorsatz nicht zu töten war, lief das Ganze nun doch auf eine er oder ich Situation hinaus. Und egal wie das dann ausging, Toireasa würde verlieren. Für einen Augenblick konnte sie fast in die Zukunft sehen. In der einen lag sie jung und tot in einem Sarg, in einer anderen war sie älter, vernarbt und schwang eine bluttriefende Axt. Sie hatte das beschissene Gefühl an einem Scheideweg zu stehen und das Schicksal zeigte ihr zwei Möglichkeiten – von der ihr keine zusagte.
Der Riese breitete die Arme weit aus und rannte gegen Toireasa an. Wie eine Urgewalt traf er sie diesmal, schleuderte sie gegen den Käfig und presste sie gegen den Stahl. Eine Hand an ihrer Kehle machte Toireasa das Atmen extrem schwer, die andere hielt presste sich um das Gelenk der Hand, welche die Axt hielt.
„Wehr dich endlich, Toireasa!“, hörte sie Winona schreien, die sich irgendwie ihres Knebels entledigt hatte.
Eine gute Idee, wie ihr Selbsterhaltungstrieb fand. Sie rammte den Ellenbogen gegen den Kopf des Riesen. Er grunzte nur und verdoppelte seine Anstrengungen Toireasa zu erwürgen. Langsam ging ihr die Luft aus und ihr Blickfeld engte sich immer weiter ein. Sie erinnerte sich vage daran, dass Rica ihr gezeigt hatte, wie man sich einem solchen Angriff entzog, aber in ihrem Kopf drehte sich alles.
„Lass sie fallen!“, hörte sie erneut Winonas Stimme und zum Glück gab es nur eine Sache, die sie fallen lassen konnte. Die Axt glitt aus ihrer Hand und Toireasa schrumpfte viel zu schnell, für den langsamen Riesen. Toireasa kleiner werdender Kopf war schnelle durch seine Hand gerutscht, als das er sie schließen konnte. Noch im schrumpfen griff Toireasa wieder zu der Axt, sagte den Spruch und schlug Raknor in die Weichteile. Er brüllte vor Schmerz und Wut auf und wäre Toireasa wie Tarsuinn gewesen, hätte sie jetzt nachgesetzt und den Vorteil genutzt, doch dazu fehlte ihr die Beherrschung. Sie wich keuchend zurück, versuchte so viel Sauerstoff wie möglich einzusaugen und ihren Blick zu klären.
„Nur die Axt kann dich retten“, schrie Pádraigín und sie schien jetzt richtig in Sorge zu sein. „Er ist viel stärker und erfahrener als du.“
Für einen Moment sah Toireasa zu der Waffe in ihrer Hand. Die Flasche mit Drachenblut klebte immer noch an der Seite. Eigentlich war dies als Sicherheitsmaßnahme gedacht gewesen, um die Axt durch die extrem starke Säure zu zerstören falls ihre Stiefmutter sie zu hintergehen gedachte. Doch jetzt half ihr das überhaupt nicht weiter. Wenn sie damit den Riesen traf, dann würde er voraussichtlich genauso daran sterben – nur deutlich qualvoller.
Als sie aufsah, erblickte sie Raknor der es langsam schaffte, seine Schmerzen zu kontrollieren. Sein Blick huschte voller Angst und Hass zwischen Axt und Toireasa hin und her.
„Mörder!“, grunzte er und dieses Wort schien ihm Kraft zu geben. Stolz richtete er sich auf. In seinem hässlichen Gesicht schwanden sämtliche verzehrenden Gefühle und für er erinnerte sich plötzlich Toireasa sehr an den Alten Jack kurz bevor er sich für sie in Askaban opferte. Raknor hatte seine Furcht zu sterben besiegt und konzentrierte sich auf das, was er für seine letzte Aufgabe hielt. Respekt dafür stieg in Toireasa und sie begriff endlich die Zusammenhänge. Der Riese wollte nicht persönlich Toireasa töten, sondern nur den Axtträger. Sein „Mörder!“ meinte die Waffe und wahrscheinlich ihren Vater. Sie atmete tief durch. Am liebsten hätte sie dem Riesen die Axt jetzt gegeben, so wie es ihre Mutter mal geplant hatte, aber angesichts der Riesenjäger um sie herum, wäre dies nur eine vergebliche Geste gewesen. Unwillkürlich musste sie an Tarsuinn denken. Wann immer es schien, als müsste er sich zwischen zwei Lösungen entscheiden, dann fand er garantiert eine Dritte. Und wenn dies die Regeln nicht zuließen, dann änderte er einfach diese…
Die Regeln ändern, blitzte eine Idee in Toireasas Kopf. In diesem Moment griff Raknor an. Aus einem Reflex heraus, schwang sie die Axt und traf den anstürmenden Riesen mit der flachen Seite der Axt, auf der nicht die Dracheblutflasche angeklebt war.
„Ja!“, schrien die Zuschauer.
Der Schlag war gar nicht mit richtig viel Kraft ausgeführt und trotzdem warf er den Riesen mit unglaublicher Wucht beiseite. Hätte Toireasa die Klinge genutzt, dann wäre sein Kopf gespalten gewesen, aber auch so spritze es Blut und Knochen.
„Beende es, Toireasa“, hörte sie ihre Stiefmutter vor Begeisterung schreien.
Toireasa war ehrlich versucht. Das Adrenalin rauschte in ihren Ohren und beinahe hätte sie ihre Idee verloren, doch dann riss es sie zurück. Wenn sie es tat, dann würde das Tarsuinn erfahren – und plötzlich war dies das Schlimmste, was sie sich vorstellen konnte. Der Junge tat immer genau das, wovon er glaubte, es würde Rica stolz machen. Ohne Rücksicht auf sein oder Ricas Leben. Es war an der Zeit, es genauso zu machen.
Sie wich in den Käfig zurück, in welchem der Riese vorher gefangen gewesen war.
„Raknor!“, übertönte sie spielend die Rufe der Zuschauer. „Komm her! Los!“
Allgemeine Jubelrufe begleiteten ihre Herausforderung. Sie unterdrückte ein überhebliches Lächeln nicht.
Sie sah wie sich der Riese trotz seiner Verletzung aufrappelte. Sein linkes Auge war durch Blut blind doch sein rechtes fixierte sie. Sie konnte sehen, dass er nicht verstand warum er noch lebte.
„Schau mich an!“, brüllte Toireasa. „Du hast meine Eltern getötet.“ Sie schwang die Axt in der Luft. „Und mein Vater wahrscheinlich deine.“
Bevor irgendjemand begriff, zerschlug sie die Drachenblutflasche zwischen Axt und Gitterstäben. Die Flasche zersprang und ihr Inhalt ergoss sich über den Stahl der Waffe und dem Gefängnis. Der Effekt des Blutes war spektakulär. Winona hatte sie einmal gezwungen einen absolut coolen Film anzusehen, wo ein absolut abstoßendes außerirdisches Wesen Säure statt Blut in seinen Adern hatte – der Film war ein Scheißdreck gegen die Wirklichkeit. Es dauerte nur Sekunden und Toireasa stand mit einem viel zu großen Axtstil ganz klein vor einem riesigen Loch im Käfig.
„FLIEH!“, schrie sie mit aller Kraft den Riesen an und mit Erleichterung sah sie, wie dieser die unerwartete dritte Möglichkeit ergriff. Er sprintete los während gleichzeitig blitzende Flüche von den Zuschauern nach ihm tasteten. Einige trafen, doch die robuste Haut des Riesen schützte ihn und so brach er durch das Loch. Ein Gitterstab der etwas zu tief hing, wurde durch die Masse und die Kraft des Riesen zerrissen auch wenn er eine tiefe Wunde riss.
„Er darf nicht entkommen!“, schrie jemand zwischen den Zuschauern und Augenblicke später sah Toireasa einige der Zauberer und Hexen disapparieren.
Ein Schockzauber zischte durch die Arena und traf Toireasa. Sie war zu erschöpft um sich zu wehren und im Grunde war es auch egal, sie wäre niemals weggelaufen, solange Winona hier gefangen war.
Die Gitterstäbe um sie herum verschwanden und sie sah ihre Mutter auf sie zustürmen. Hinter ihr folgten einige genauso wütend aussehen Hexen und Zauberer. Einer davon stieß Winona vor sich her. Doch niemand war so außer sich vor Wut wie Pádraigín. Ihre Stiefmutter packte die am Boden liegende Toireasa und schüttelte sie brutal.
„Du hast die Axt zerstört. Du dummes Kind! Du solltest einfach nur diese Bestie töten. Du hast den Mörder deines Vaters fliehen lassen…“
Toireasa glaubte ihr diesmal.
„…Ich kann nicht glauben, dass ich mich mit dir abgemüht habe!“
„Ich war nicht hier, um jemanden zu töten“, schaffte es Toireasa zu sprechen. „Ich wollte einfach nur Rica wieder haben.“
Für einen Moment starrte Pádraigín sie verblüfft an.
„Wen“, fragte sie unsicher?“